Rugby Klub 03 Berlin

KANN ICH EIGENTLICH NOCH MEHR, AUßER GUT PASSEN?

Jeder Rugbyspieler kennt wahrscheinlich diese Gespräche mit dem Trainer, in dem er oder sie von einem wissen will, was man besonders gut im Rugby kann. „Was sind deine Stärken?“, sie wollen wissen, ob man eine reelle Einschätzung zu sich selbst hat und überhaupt weiß was man drauf hat. Ich hatte im Laufe der letzten Jahre einige solcher Gespräche. Irgendwann habe ich mich selber dabei ertappt, wie ich mir schon blöd vor kam, weil ich immer die gleiche Sache gesagt habe „Ich kann gut passen“. Ich habe mich gefragt, ob es wirklich das einzige ist was ich auf dem Rugbyplatz gut kann. Habe ich nicht noch andere Stärken, außer gute Skills?!

Ich liebe Passen. Seitdem ich von meiner Mama zum 13. Geburtstag diesen weiß-roten Gilbertball in der Größe 4 geschenkt bekommen habe, verbrachte ich viele Stunden in meinem Leben damit mir den Ball zu Hause selber hoch zu passen. Deswegen bin ich gerne etwas früher beim Training gewesen, um noch mit jemanden den Ball hin und her zu werfen. Am liebsten mit fast unüberwindbaren Distanzen. Oh yes!

Im Gegensatz dazu wurde meine Lauftechnik von meinen Freunden und Trainern liebevoll mit dem sogenannten ‚Baywatch-Style‘ betitelt. Weil ich wohl so langsam laufe wie die Baywatch-Bademeister in der Serie – nur das die Lauf-Szene dabei in ‘slow motion’ gezeigt wird. Wenn ich renne sieht das also aus wie slow motion, na klasse…

Und ich glaube, eine besonders begnadete Tacklerin war ich bisher auch nie. Ich habe die Leute zwar zu Boden gekriegt, aber keiner hat je gesagt: Boah, das ist eine wirkliche starke Verteidigung mit einer super Tackle-Technik wie aus dem Bilderbuch. Es war halt immer irgendwie solide, denke ich.

Gestern im Training mit den Cheltenham Tigers stand Tackletraining auf dem Programm, denn unsere Verteidigung im Spiel gegen Richmond war alles andere als solide. Erst arbeiteten wir daran als gemeinsame Linie die Angreifer unter Druck zu setzten und an den Rucks die sogenannten ‘Guards’ zu stellen. Dann wurde jeder im Eins-gegen-Eins Tackle herausgefordert. Erst schön weich mit Tackle-Kissen, dann knall hart Frau gegen Frau. Der Tackler macht kleine schnell Schritte auf der Stelle, der Gegner steppt vor ihm nach links oder recht und lässt sich umhauen.

Anschließend wurden zwei Spielerinnen herausgepickt die es so gut gemacht haben, dass sie es vor allen anderen nochmal zeigen sollten. Eine Spielerin davon war ich. Ich stellte mich also in den Kreis der Spielerinnen und tackelte erneut eine Spielerin um. Ein lautes „Ouuuuhhh“ war von den Spielerinnen zu hören. Das schien ein ganz ordentliches Tackle gewesen zu sein. Nach dem Training sagte Coach Dan zu mir „Hey Ballmääään, really good tackle technique!“ Wer hätte das gedacht…

Mein S&C Coach hat dazu gesagt: „Umso stärker ein Spieler in der Kniebeuge ist, desto mehr Power hat er beim Tackeln.“ Mit hinzu spielt natürlich noch die reine Technik. Aber das Gute ist, das ganze Krafttraining lohnt sich halt tatsächlich. Und in meinem Kopf weiß ich wie ein Tackle auszusehen hat, jetzt habe ich halt auch die Kraft es so zu machen.

Studie: Muscular Strength and Power Correlates of Tackling Ability in Semiprofessional Rugby League Players http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26200016

Was meine läuferische Leistung angeht, darin habe ich nach einigen Turnieren der letzten Saison sehr positives Feedback bekommen. Mein Sprint sieht mittlerweile so aus, als ob ihn jemand macht der tatsächlich ‚Laufen‘ könne. Kein Baywatch-Style mehr! Und auch bei den Tribe Sevens wurde ich als Center aufgestellt, was sie wohl nicht gemacht hätten wenn ich noch immer mit Slow-Motion-Lauftechnik rennen würde.

Ich finde das echt beeindruckend: Egal wie lange man schon Sport macht oder Rugby spielt, man lernt halt wirklich nie aus. Wenn man sich Ziele setzt und die zu 100 Prozent verfolgt, wird man irgendwann überrascht sein, wie man sich tatsächlich noch weiter entwickeln kann! Ich war es zumindest und werde weiter trainieren, an meinen Tackles & am Laufen arbeiten. Und natürlich an meinem Pass! Denn das was man gut kann, sollte einem bewusst sein und diese Stärke sollte man nutzen – das bedeutet auch, dass man sie nicht vernachlässigt!

Das nächste Mal wenn ein Trainer meine Stärken wissen will, werde ich hoffentlich etwas genauer überlegen müssen was ich sage und neben dem ‚Handling‘ vielleicht sogar noch etwas anderes nennen.

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